Deutscher Gewerkschaftsbund

24.11.2017

Ausbildungsreport 2017

Azubis beklagen Mängel an Berufsschulen

Ausbildungsreport2017

DGB Jugend

Seit nunmehr zehn Jahren leistet die DGB-Jugend mit ihrem Ausbildungsreport einen wichtigen Beitrag in der Debatte um die Qualität der Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen. Dabei stützt sie sich auf die Aussagen von Expertinnen und Experten, die sonst nicht zu Wort kommen: die Auszubildenden selbst. Ihre persönlichen Erfahrungen sind die Grundlage der Ergebnisse. In diesem Jahr haben über 4.200 junge Frauen und Männer aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen an der schriftlichen Befragung teilgenommen. Gefragt wurde nach Ausbildungszeiten und Überstunden, der Ausbildungsvergütung, der fachlichen Qualität der Ausbildung im Betrieb und der persönlichen Beurteilung durch die Jugendlichen.

Die gute Nachricht ist: Auch in diesem Jahr sind mit über 71 Prozent die meisten Jugendlichen mit der Qualität ihrer Ausbildung zufrieden. Es ist erfreulich, dass die Mehrzahl der ausbildenden Betriebe also durchaus in der Lage ist, eine solide Ausbildungsleistung zu erbringen. Das Ergebnis bedeutet aber auch: Mehr als ein Viertel der Befragten bescheinigt ihrer Ausbildung eine unzureichende Qualität. Dieser Wert ist in den vergangenen Jahren praktisch konstant geblieben, er schwankt zwischen 69 und 72 Prozent.

Wenn wir uns die Ergebnisse genauer anschauen, wird deutlich, dass es bei der Bewertung erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Berufen gibt. Besonders zufrieden sind in diesem Jahr in NRW die Auszubildenden in der Zerspannungs- und in der Industriemechanik, auf Platz drei liegen die Bankkaufleute. Mit großen Problemen konfrontiert sehen sich viele angehende Friseurinnen und Friseure, zahnmedizinische Fachangestellte und Fachverkäuferinnen und -verkäufer im Lebensmittelhandwerk. Sie finden sich auf den letzten Plätzen wieder. Im Vergleich zu anderen Berufen sind diese Auszubildenden überdurchschnittlich häufig von langen und ungünstigen Arbeitszeiten und zahlreichen Überstunden betroffen. Sie beklagen eine oftmals fachlich ungenügende Anleitung und erhalten eine unterdurchschnittliche Ausbildungsvergütung.

Interessant ist, dass es in den vergangenen 10 Jahren kaum Veränderungen im Ranking gibt. Zwar rutschen die einzelnen Berufe schon mal ein paar Plätze rauf oder runter, grundsätzlich kann man aber sagen: Es sind weitestgehend dieselben Berufe, die von den Azubis als besonders problematisch benannt werden. Dennoch erleben wir kaum Anstrengungen der Arbeitgeberseite, gegen strukturelle Probleme vorzugehen und die Bedingungen nachhaltig zu verbessern. Konsequenzen in diesen Branchen sind erhöhte Abbrecherzahlen und Schwierigkeiten, überhaupt Auszubildende zu finden.

Nach wie vor gilt übrigens auch: Je größer der Betrieb, desto höher die Ausbildungszufriedenheit. Dass insbesondere die Großbetriebe positiv abschneiden, liegt einerseits an den guten personellen und materiellen Voraussetzungen, mit denen sie eine hochwertige und strukturierte Ausbildung sicherstellen können. Andererseits sind dort Mitbestimmungsstrukturen - das heißt Betriebsräte und gewerkschaftliche Aktivitäten - vorhanden, die bei kleineren Betrieben oft fehlen.

Wie in jedem Jahr hat der Ausbildungsreport auch dieses Mal ein besonderes Schwerpunktthema. Dieses Mal beschäftigen wir uns mit der Qualität des Unterrichts an Berufsschulen. Die letzte Befragung dazu liegt fünf Jahre zurück. . Die Ergebnisse unseres Schwerpunktthemas „Qualität der Berufsschule“ zeigen, dass in vielen Bereichen der beruflichen Bildung ein enormer Investitions- und Reformstau herrscht, der dringend behoben werden muss. Seit 2012, als wir das Thema zum letzten Mal in unsere Fragebögen aufgenommen hatten, hat sich die Qualität zwar um einige Punkte verbessert. Und trotzdem bleibt es dabei: Die befragten Jugendlichen sind im Schnitt mit ihrer Ausbildung an der Berufsschule weit weniger zufrieden als mit ihrer Ausbildung im Betrieb. Um alle Auszubildenden optimal auf das Berufsleben vorzubereiten, müssen die Rahmenbedingungen, unter denen in den Berufsschulen gelehrt und gelernt wird, daher nachhaltig verbessert werden.

Einer der Gründe für das schlechte Abschneiden liegt in der unzureichenden Ausstattung vieler Berufsschulen. Nur 69 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Schule „immer“ oder „häufig“ über aktuelle Unterrichtsmaterialien, technische Gerätschaften und ähnliches verfügte, die das Lernen im Unterricht erfolgreich unterstützen. Neben der Ausstattung der Schulen hat auch die Abstimmung zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb einen erheblichen Einfluss auf die Bewertung der fachlichen Qualität der Berufsschule. Nur rund die Hälfte der Befragten (47 Prozent) in Nordrhein-Westfalen bewertet die Abstimmung als „gut“ oder „sehr gut“.

Einfluss auf die Lernatmosphäre hat nicht zuletzt auch die Größe der Berufsschulklassen. Hier deuten die Ergebnisse des Ausbildungsreports nach wie vor auf eine große Bandbreite hin: Klassengrößen von maximal 15 Auszubildenden sind offenbar ebenso wenig eine Ausnahme (12 Prozent) wie Berufsschulklassen mit mehr als 25 Schülerinnen und Schülern (17 Prozent). Im Vergleich zu 2012 ist hier keine Verbesserung der Situation eingetreten. Nach wie vor liegt die durchschnittliche Klassengröße in Nordrhein-Westfalen bei 21 Auszubildenden.

Nur knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) fühlt sich durch den Besuch der Berufsschule „sehr gut“ oder „gut“ auf die theoretische Prüfung vorbereitet. Jede/r sechste (17 Prozent) bezeichnet die Vorbereitung nur als „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Diese Werte haben sich gegenüber dem Ausbildungsreport 2012 nur leicht verbessert. Damals fühlten sich 45 Prozent „sehr gut“ oder „gut“ vorbereitet.

Die Schuld für die Defizite an den Berufsschulen wird häufig bei den Lehrerinnen und Lehrern gesucht und die Qualität der Lehrerausbildung an den Universitäten in Frage gestellt. Der Ausbildungsreport zeigt, dass diese Argumentation zu kurz greift und wir besonders die infrastrukturellen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen müssen. Eine zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen mit Unterrichtsmaterial, Schulbüchern und technischen Geräten ist ebenso wichtig wie ausreichend Personal, das einen regelmäßigen Berufsschulunterricht in sinnvollen Klassengrößen ermöglicht.

Die DGB-Jugend NRW sieht daher die Landesregierung in der Pflicht, die Ausbildung an den Berufsschulen stärker in den bildungspolitischen Fokus zu rücken. In den nächsten Jahren kommt einiges auf die Berufsschulen zu. Sie stehen in der Verantwortung, unsere Jugendlichen fit für die Arbeitswelt der Zukunft zu machen: Digitalisierung, Arbeit 4.0 und die interkulturelle und soziale Kompetenzentwicklung erfordern große Anstrengungen. Ein „Weiter so“ wäre fatal. Daher sollte die Landesregierung:

1. Deutlich höhere Investitionen im Bereich der beruflichen Bildung tätigen. Angefangen von der Bausubstanz, über eine zeitgemäße technische Infrastruktur bis hin zu Programmen für Digitales Lernen besteht massiver Investitionsbedarf.

2. Den Lehrerberuf attraktiver gestalten. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für das Lehramt an Berufsschulen. Und auch für Expertinnen und Experten aus Betrieben ist ein Wechsel an eine Schule meist unattraktiv. Viele Berufsschulen beklagen daher einen akuten Lehrermangel. Um den Lehrerberuf aufzuwerten, müssen sämtliche Lehrerstellen unbefristet angeboten werden. Insbesondere für die beruflichen Fachlehrerinnen und Fachlehrer brauchen wir zudem Investitionen in die Aus- und Weiterbildung sowie Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

 

Hier sind weitere Informationen und der Ausbildungssreport zum Download zu finden:

http://nrw.dgb.de/jugend/ausbildungsreport-2017