Deutscher Gewerkschaftsbund

22.05.2018

Aus der Geschichte für die Zukunft lernen

Gewerkschafter/innen decken Gräueltaten während der NS-Zeit auf

Gedenktafel

Ludger Bentlage, KV Düren

Unter der Überschrift „Aus der Geschichte für die Zukunft lernen“ beschäftigen sich Dürener Gewerkschafter/innen mit der Geschichte ihrer Region in der Zeit des Nationalsozialismus. „Mit engagierten Kolleginnen und Kollegen erarbeiten wir „Geschichte von unten“. Wir wollen die „vergessenen“ historischen Themen wieder auf die Agenda setzen“, erklärt Ludger Bentlage, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Düren. Vor einiger Zeit machten sich die Dürener Gewerkschafter/innen auf Spurensuche. Unter welchen Bedingungen lebten und schufteten die Zwangsarbeiter/innen im Strafgefangenenlager Arnoldsweiler? Wie viele Bürger/innen aus dem Kreis Düren wurden ins KZ verschleppt und wie viele von ihnen waren Gewerkschaftsmitglieder? Und nicht zuletzt, wie waren die Bedingungen, unter denen unsere Kolleginnen und Kollegen sich damals für gewerkschaftliche Ziele stark gemacht haben. Es geht der Gruppe rund um den DGB-Kreisverband Düren nicht nur darum, die Machenschaften der Nazis aufzudecken, sondern sie wollen auch die Bürgerinnen und Bürger Dürens über diese Gewalttaten aufklären und dafür sensibilisieren, dass so etwas auch heute noch passieren kann – dass es aber nie wieder passieren darf.

 

Im Folgenden werden 3 Schlaglichter auf gewerkschaftliche Erinnerungsarbeit im Kreis Düren geworfen.

In Arnoldsweiler, einem Dürener Stadtteil, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus ein umfangreicher Barackenkomplex, umgeben von Wachtürmen, gebaut. Dies war das Kriegsgefangenlager Stalag VI H, eine Außenstelle des Stalag VI A Hemer[1]. Tausende polnischer, französischer und später russischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter waren hier interniert. Viele hunderte von ihnen lebten und starben unter grausamen Umständen.

Erst als im Sommer 1960 die Toten auf dem Friedhof, in der Merzenicher Heide exhumiert wurden, um auf den Friedhof in Simmerarth/Rurberg ihre letzte Ruhestätte zu finden, wurde das ganze Ausmaß des Massensterbens und Mordens einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Statt der ursprünglich geschätzten 500 wurden schließlich über 1500 Tote umgebettet. Und es steht fest, dass dies nicht alle Opfer waren, denn viele wurden, wie sich Zeitzeugen erinnern, mit einem Pferdefuhrwerk davon gekarrt und statt auf dem Friedhof in der Merzenicher Heide begraben.

Die Verhältnisse im Lager waren katastrophal, vor allem weil viele Kranke aus den umliegenden Industrie- und Kohlerevieren in das Lager eingeliefert wurden. „Hier nach Arnoldsweiler kamen die Gefangenen zum Sterben“, erinnert sich ein damals als Sanitäter eingesetzter Deutscher. Etwas besser hatten es die außerhalb des Lagers untergebrachten Zwangsarbeiter, von denen die meisten in der Landwirtschaft eingesetzt waren.

Aber auch hier wurden Gräueltaten verübt, wie die Hinrichtung von 2 polnischen Zwangsarbeitern in Echtz belegt. Sie wurden wegen angeblicher Rassenschande getötet. Damit  dies nicht vergessen wird, wurden auf Veranlassung der IG BCE Ortsgruppe Düren Stolpersteine[2] des bekannten Künstlers Gunter Demnig in einer Feierstunde verlegt.

Die Ortsgruppe Düren der IG BCE, Bezirk Alsdorf, hat weiterhin eine Wanderausstellung[3] zum Zwangsarbeiterlager Arnoldsweiler erstellt. Diese wurde bereits an verschiedenen Orten gezeigt und von diversen Schulklassen und Interessierten besucht. Zum Rahmenprogramm der Ausstellung gehören Informationsveranstaltungen und Zeitzeugengespräche. Ulrich Titz, Mitglied in der IG BCE Ortsgruppe und im DGB-Kreisverband erklärt: „Die Geschichte um das Strafgefangenenlager darf nicht in Vergessenheit geraten. Es gilt, sich jeden Tag und bei jeder Gelegenheit gegen Rassismus, gegen völkisches Gedankengut und für Demokratie, Solidarität und Vielfalt in unserer Gesellschaft einzusetzen“.

Der Gedenkplatz für die Opfer des Kriegsgefangenenlagers ist inzwischen in die Jahre gekommen. Der DGB-Kreisverband Düren setzt sich zurzeit für die Wiederherrichtung dieses Ortes ein, so dass dieser wieder zum Verweilen und Gedenken einlädt.

Das Bertram-Wieland-Archiv erforscht die Geschichte der Arbeiterbewegung im Raum Düren-Aachen. In diesem Kontext wurde das Geschichtsprojekt „Das Schicksal von Dürenern im KZ Buchenwald“ initiiert, welches zum Ziel hat, Biografien von NS-Verfolgten aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. „Dem Bertram-Wieland-Archiv e.V. sind derzeit etwa 100 Personen aus Düren oder mit Bezügen zur Region bekannt, die in Buchenwald und seinen Außenlagern gequält wurden – eine Reihe von ihnen wurde ermordet“ (Bertram-Wieland-Archiv 2018: de[4]).

Bestandteil des Projekts war eine Studienfahrt zu den Gedenkstätten Buchenwald (Weimar) und Mittelbau-Dora (Nordhausen), die in Kooperation mit dem DGB stattfand. Neben Zwangsarbeit, u.a. Rüstungsanfertigungen waren im größten Konzentrationslager des Deutschen Reichs Folter, medizinische Experimente und Hinrichtungen Alltag für die Inhaftierten.

Während der Studienfahrt nahmen die Teilnehmer/innen an der öffentlichen Gedenkfeier des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora auf dem ehemaligen Appellplatz teil. Am 11. April 1945 fand die Befreiung des KZ-Buchenwalds durch die US-amerikanischen Truppen statt. Kurz zuvor gelang es den Häftlingen, die Kontrolle über das Lager zu erlangen. In den Tagen zuvor versuchten die Häftlinge durch widerständige Aktionen, die Deportation einer Vielzahl von Gefangenen durch die SS zu verhindern.

Nach den ersten Forschungsbefunden sagt Ludger Bentlage: „Wenn wir nach Buchenwald fahren, so erfahren wir nicht nur etwas über das Schicksal von Opfern aus dem Kreis Düren, sondern auch etwas über Täter, die gleichzeitig Nachbarn sind und waren.“

Erinnerungskultur ist ein wichtiger Baustein der gewerkschaftlichen Arbeit. Erinnerungskultur ist aber kein Selbstzweck, sondern erfüllt einige wichtige Funktionen: Sie erinnert uns daran, wo wir herkommen, was unsere Gründerväter und -mütter wollten, was die Motive waren, die dazu geführt haben, dass sich Menschen in Gewerkschaften zusammengeschlossen haben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte setzt uns aber auch in die Lage, aus den Fehlern der Geschichte, auch aus den eigenen Fehlern zu lernen.

Ein fataler Fehler der Arbeiterbewegung war es, dass sie sich in der Weimarer Republik hat spalten lassen. SPD und KPD bekämpften einander mehr als sie es mit den Faschisten taten. Und die Gewerkschaften spalteten sich in kommunistische, sozialdemokratische und christliche Gewerkschaften auf. Diese Spaltung der Arbeiterbewegung hat die Machtergreifung der Faschisten im Januar 1933 überhaupt erst möglich gemacht.

Während man als Arbeiterbewegung noch stritt, wie man mit den Faschisten umgehen sollte, ob man Widerstand leistet oder ob man sich anbiedert und versucht, das NS-Regime unbeschadet zu überstehen, schafften die Nationalsozialisten Fakten und verhafteten unsere Funktionärinnen und Funktionäre nach und nach. Man folterte sie, schmiss sie ins Gefängnis oder ins KZ und manch einer ward nie mehr gesehen.

Die große Lehre aus unserer Geschichte war daher die Erkenntnis, sich nie wieder spalten zu lassen, sondern sich nach dem Krieg als Einheitsgewerkschaft zu reorganisieren. So fand bereits am 18. März 1945 im zu dem Zeitpunkt schon befreiten Aachen die Gründung des FDGB (Vorläufer des heutigen DGB) als Einheitsgewerkschaft statt.

Das Prinzip der Einheitsgewerkschaft war und ist, dass man sich in allen Angelegenheiten, welche die Arbeitnehmerinteressen angehen, gemeinsam in einer Organisation zusammenschließt, ganz egal welcher politischen oder kirchlichen Glaubensrichtung man angehörte.

Dies gilt mit einer Ausnahme, denn die 2. Lehre war und ist: nie wieder Faschismus!

Eine politische Ideologie, die am 2. Mai 1933 im ganzen Reich die Gewerkschaftshäuser besetzte, unsere Funktionärinnen und Funktionäre verhaften oder umbringen ließ, unser Vermögen beschlagnahmte (welches dann durch die DAF, Deutsche Arbeitsfront, zum Bau der Ordensburgen z.B. Vogelsang, genutzt wurde) und später für die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und für millionenfachen Mord verantwortlich war – solch eine Ideologie sollte und soll nie wieder in politische Funktion und Verantwortung gelangen.

Es ist deshalb kein Zufall, wenn sich Gewerkschaften im Kampf gegen Rechts immer wieder ganz vorne mit einreihen.

Auch in Düren wurde am 2. Mai 1933 durch die Sturmabteilung „SA“ der Nationalsozialisten das Gewerkschaftshaus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Kreuzstraße 25 besetzt; das Vermögen wurde beschlagnahmt und die Weiterarbeit verboten. Durch Recherchen der IG BCE OG Düren zum Zwangsarbeiterlager, konnte in der Friedrich Ebert Stiftung erstmals belegt werden, welche Funktionäre und Gewerkschaften in der Kreuzstr. tätig waren. Deshalb steht heute fest, dass neben vielen weiteren, der Vorsitzende des ADGB, Barthel Eichelmann inhaftiert wurde. Bereits in den Wochen zuvor waren zahlreiche Gewerkschaftsmitglieder zu Opfern von Übergriffen durch Anhänger der NSDAP (SA) geworden – in Düren, wie auch in vielen anderen Städten kam es zu Gewalttaten. Das ADGB-Haus ist spätestens am 16.11.1944 zerstört worden. Nach dem Krieg wurde die Kreuzstraße neu bebaut und die Hausnummern neu vergeben.

Mit der Anbringung einer Gedenktafel in der Kreuzstraße haben die Gewerkschaften im Kreis Düren die Chance ergriffen, an die Arbeit des ADGB und die inhaftierten Kollegen zu erinnern. Die Enthüllung fand während der 1. Mai-Demonstration in diesem Jahr statt.

„Heute, mehr denn je, soll diese Bronzetafel Erinnerung und Mahnung sein. Sie steht für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit“, betont Tomislav Stevkov, Mitglied IG BAU und im DGB-Kreisverband.

Die Wirtschaftskrise zum Ende der Weimarer Republik und die damalige Massenarbeitslosigkeit haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass ein Gemeinwesen soziale Sicherheit bietet. Denn Lebensverhältnisse, die als ausgrenzend empfunden werden, verschaffen undemokratischen Positionen Zulauf. Was vor 85 Jahren gesamtgesellschaftlich versäumt wurde, darf sich nicht wiederholen.

Mit der AfD haben wir wieder eine rechte Partei, die mit ihrem Gedankengut und in ihrem Handeln ein rassistisches und völkisches Weltbild haben. Sie sitzen in Kommunalparlamenten, dem Landtag und dem Bundestag.

Mit unserer Arbeit wollen wir erinnern und mit dazu beitragen, dass rechte und rechtspolitische Weltbilder nicht mehr Maßstab politischen Handelns werden.

 

[1] Frau Sina Mieseler, Schülerin des städtischen Rurtal-Gymnasiums in Düren hat sich in einer Facharbeit mit dem Kriegsgefangenen-Stammlager Arnoldsweiler stärker befasst. Die Facharbeit ist online zu finden unter: https://www.gemeinde-merzenich.de/medien/bindata/Facharbeit_zum_Lager_mit_Anhang.pdf
[2] Ein Video zur Verlegung der Stolpersteine ist auf YouTube unter dem Stichwort „Gedenksteinsetzung FINAL deutsches Audio youtube“ zu finden.

[3] Die Eröffnung der Ausstellung im Dürener Rathaus am 15.11.2016 wurde filmisch festgehalten. Die Filme sind auf YouTube unter dem Stichwort „Ausstellung Zwangsarbeit "Gegen das Vergessen" IGBCE Düren Teil 1“ zu finden. Insgesamt ist der Film in drei Teile aufgeteilt.
[4] http://www.bertram-wieland-archiv.de/index.php/aktuelles/meldungen/55-studienfahrt-als-auftakt-schicksal-von-duerenern-im-konzentrationslager-buchenwald-soll-erforscht-werden

Gedenkstein

Ludger Bentlage, KV Düren