Deutscher Gewerkschaftsbund

07.12.2016

Wir zeigen Herz - Euskirchen Rückblick

Mehr als 200 Menschen aus Euskirchen und Umgebung zeigten am vergangenen Samstag auf dem Platz der Herz-Jesu-Kirche treffender Weise auch Ihr Herz. Bei eisigen Temperaturen wärten sich die Bürgerinnen und Bürger mit heißem Kaffee, kleinen Schokoherzen und beim eingehakten Schunkeln zur Live-Musik von Günter Hochgürtel und seinen zwei Bandkollegen. Arbeiterlieder, Euskirchener Mundart und berührende Songs von Mitmenschlichkeit und Toleranz trafen die Stimmung der engagierten Gemeinschaft vor der Büne perfekt. Landtagskandidat Markus Ramers (SPD) moderierte als Veranstaltungsinitiator durch das lebendige Programm. Mit ihm und weiteren Vertretern der anderen demokratischen Parteien, der Arbeiterwohlwahrt sowie Kulturverbänden und Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer hatte sich ein beachtlicher Querschnitt der Zivilgesellschaft unter dem Banner der aktuellen DGB-Kampagne für mehr Respekt und Solidarität eingefunden, um ein deutliches Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung zu Ihrer Stadt zu setzen. Der zeitlich stattfindende Landesparteitag der neuen Rechtspopulisten geriet dabei ganz unbemerkt zur Nebensache.
Mit sehr nachdenklichen Tönen - auch in Richtung der anwesenden TeilnehmerInnen - beteiligte sich auch die laut beklatschte Eukirchener PoetrySlammerin Sarah Kersting. Ihr Beitrag war Aufforderung und Mahnung an uns alle, uns immer wieder an das wesentliche für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu erinnern - un danach zu handeln.

Mit Ihrer Erlaubnis veröffentlichen wir Ihren Text auch hier:

Verurteil (von Sarah Kersting)

"Ich träume von einer Welt ohne Verurteilung.

Ich träume davon, dass die Kirchen voll sind mit Männern die auf Männer stehen und Frauen die auf Frauen stehen, denn das sind keine Schwulen, das sind keine Lesben, das sind MENSCHEN die andere Menschen des gleichen Geschlechts lieben.

Ich träume davon, dass die Kneipen voll sind mit, nicht mit Christen, sondern mit Menschen, die an Gott glauben, weil sie sich nicht zu fein und zu schade dafür sind, mit Menschen, die an was anderes oder an nix glauben, gemeinsam das Leben zu feiern oder ihren Frust zu begießen. Ich erträume mir die Möglichkeit, dass seit dem Kreuz das Thema Sünde vom Tisch und Gott gar nicht zornig ist, dass er nicht mehr einteilt, ob jemand falsch oder richtig tickt und sich nur wünscht, dass wir glücklich sind. Hier fällts mir jedoch schwer zu träumen, denn was mach ich dann mit ISIS, was mach ich mit den Nazis, und mit all den Terroristen. Ich träume, ich wünschte, ich könnte diese Menschen lieben. Schrecklich finden was sie tun, doch bei Liebe keine Grenze zu ziehen. Denn........

Ich träume davon, dass wir nicht die Fehler der Menschen sehen, sondern ihre Verletzungen. Und dass Barmherzigkeit kein Limit kennt, auch nicht, und ja, mir dreht sich dabei der Magen um, auch nicht bei dem Vergewaltiger, dem Mörder, dem Schänder. Denn es ist ein Mensch, der vergewaltigt hat, es ist ein Mensch, der gemordet hat, ein Mensch, der geschändet hat. Wahrscheinlich, weil er slebst zutiefst geschändet wurde und man sein oder ihr Herz damals, als es noch ein Kind war, in den Dreck getreten hat. Oder den kleinen Körper. Und nochmal nachgetreten, solang es sich noch bewegt.

Ich träume weiter, wie es wohl aussähe, wenn wir uns nicht mitleidig zum Bettler, zu dem Menschen der bettelt, am Wegesrand niederbeugten, um ihm gönnerhaft 2 Euro in seinen Hut zu werfen. Ich stelle mir vor wie es wäre, diesen menschen um Hilfe zu bitten. Ihn nach dem Weg zu fragen oder ihn zu überreden, dass er mir sagt wir um alles in der Welt er es jeden Tag schafft, so verschmitzt zu grinsen wenn ich vorbei komme, während er auf Knien liegt. Ich stelle mir vor, von diesem Menschen zu empfangen, anstatt zu geben, und wie er dann merkt, dass er kein Betller ist, nein, er ist ein MENSCH, der nun grade mal bettelt.

Ich träume davon, dass wir uns nicht wegen des Geldes verlieben und auch nicht wegen des Geldes NICHT verlieben, dass Geld überhaupt nie unser Schmuck ist und einfach nur Mittel zum Zweck,dass wir viel davon haben können oder auch wenig, dass Kaviar am Montag und trockenes Brot am Freitag kein Problem für uns darstellen, wenn wir es nur teilen können. Und dass wir nicht urteilen nach Papiercheinchen.

Ich wünschte, wir würden weiter daran glauben, dass es gut ist, wenn wir alle super glücklich sind, doch dass wir uns nicht darauf beschränken, nur glückliche Menschen toll zu finden, dass wir uns finden inmitten unserer Trauer und Schönheit auch erkennen, wenn sie von Schmerz gezeichnet ist.

Ich wünsche, alte Menschen würden nicht geparkt wie Stücke überfettetes altes Fleisch ohne Seele, die durch rumgammeln verfaulen, denen man Beruhigungsmittel geben muss, damit sie ihren eigenen mobiden Zustand verdrängen können. Eine Schande, dass so viele sich selbst den Tod herbei wünschen, weil sie es bei uns nicht mehr aushalten, sie ertragen nicht die Eiseskälte, mit der man ihr Ableben erwartet. Würden wir nur Wert darauf legen, unsere Zukunft zu verändern, indem wir die Gegenwart derer verändern, die schon dort sind. Dann sähen wir unendliche Schönheit in Falten und wissendem gesichtsausdruck, dann würden wir nicht stieren auf Hausrat und Erbe, wenn die Alte endlich weg ist, nein, wir würden umsorgen und pflegen und uns hüten die faltige Hand loszulassen, die nach Halt sucht.

Ich träume weiter. Davon, dass Widerspruch nicht als Rebellion, sondern als Weisheitgesehen würde, ein Kind nicht als inkompetent, ein alter Mensch nicht als allwissend und dass die Rollenbilder von Mann und Frau endlich als so veraltet gelten, dass sie auch aus dem letzten Hinterstübchen unserer die Gewonheit liebenden Hirne verschwinden würden! Dass wir Meinungen scheiße finden können, ohne das immer gleich sagen zu müssen, dass wir Rat nicht geben ohne vorher zu fragen, dass wir bis zum Ende zujören, bevor wir denken wir verstehen, dass uns klar wird, dass ein Vorurteil schon ein Vorurteil ist. Lasst uns dafür sien anstatt immer dagegen, und mal Lächeln wo wir uns sonst umdrehen und gehn und dann mal sehn was passiert.

Kennt ihr diesen Moment, wenn man auf der Straße einen behinderten Menschen sieht, und man ihn eigentlich super findet uns ihn ob seiner Schönheit gern länger ansehen würde, aber man versucht, das lieber nicht zutun, denn er könnte es falsch auffassen und verletzt sein... Und dann hält man die zuneigung zurück. Weil unsere Welt eben noch nicht Traum ist. Weil wir eine Norm haben und Menschen, die aus der Norm fallen, die sind halt nicht normal. Wir messen nicht mit Liebe, sondern mit Durchschnitt.

Ich träume davon, dass jahrhundertealte, gesellschaftliche und religiöse Gebote und "das macht man nciht" - Dinge uns nicht ein ums andere Mal ein "Oh mein Gott, DER? NAAAAINN.!" entlocken. Wir wollen ja nur unserem Schockzustand Ausdruck verleihen, und das dann für die nächste halbe Stunde, und wir reden und tauschen uns aus, und eigenltich lästern wird, das sich die Balken biegen und das impliziert, dass wir jemanden runtermachen, in dessen Schuhe wir nicht gehen.

Am Ende geht es nur um Eines. Um das einzig wahre, das Großartige Inferno, nach dem wir alle uns sehnen. Liebe. Wenn wir nur lernten, wie Liebe wirklich geht. Wenn wir nur verstünden, wie gut die Liebe wirklich ist! Wenn wir nur wüssten! Ach, würde uns nur klar, dass die anderen alle genau so viel wert sind wie wir selbst, das Wert nichts mit Taten zu tun hat, das Verurteilung aus einem System von Fehlern und Strafen kommt, dass dadurch Furcht ensteht und dass, wo Furcht ist, die Liebe nicht wachsen kann. Und das wir uns selbst und unsere kleine heile Welt schützen wollen, wenn wir verurteilen. Nehmen wir uns selbst mal nicht so wichtig. Lehnen wir uns zurück, und sehen einander an, und lassen die Liebe jede Verurteilung aus unseren Herzen killen.

Verurteilung ist Gewalt. Verurteilung ist das Gegenteil von Liebe."

Wir zeigen Herz

SPD Euskirchen