Deutscher Gewerkschaftsbund

04.07.2023

Süße Früchte - bitterer Beigeschmack!

Süße Früchte - bitterer Beigeschmack

DGB Region NRW Süd-West

Spargel und Erdbeeren sind die Premiumprodukte der heimischen Erntesaison.

Doch bei den pflückenden und stechenden Arbeitskräften zahlt sich das keineswegs aus. Im Gegenteil: Diese Arbeit ist ein unterbezahlter Knochenjob! Die häufig rumänischen oder bulgarischen Kolleginnen und Kollegen malochen nicht selten bei sengender Hitze und zu entwürdigenden und meist illegalen Bedingungen.

Davon haben sich während der laufenden Saison wieder die Fachleute von #fairemobilität, #arbeitundleben, #KAB , der #BeratungsstelleArbeit und dem #DGB ein eigenes Bild gemacht. Denn tatsächliche Beschäftigtenzahlen gibt es in diesem Sektor auch von öffentlichen Kontrollorganen höchstens als grobe Schätzung. Damit bleibt schon die Erfassung der drängendsten Probleme bei Unterkünften, Abzügen von Löhnen oder nicht bezahlten Überstunden, fehlendem Arbeitsschutz oder dem Sozialversicherungsstatus eine Herausforderung.

Insgesamt wurden bei der letzten Tour für die Saison-Beschäftigten fünf Arbeitsstätten in Brüggen bei Krefeld, Waldfeucht-Haaren und Unterbruch im Heinsberger Land sowie Broich bei Jülich aufgesucht, um dort mehrsprachige Informationen zu geltendem Arbeitsschutz, Versicherungsrecht sowie zu Beschwerde- und Anlaufstellen zu verteilen. Und erneut war festzustellen, wie verängstigt die Ersthelfer*innen sind, überhaupt mit den Expert*innen und Dolmetscher*innen in Kontakt zu treten. Ein möglicher Austausch oder Fragen wurden meist umgehend von Vorarbeiter*innen - wenn nicht gar durch die Betriebsinhaber selbst - unterbunden: Drohungen statt Dialog!

In den vergangenen 18 Monaten haben sich allein in NRW bereits 80 Beschwerden bzw. Anzeigen über ausbleibende Löhne, unbezahlte Überstunden sowie Hinweise auf Versicherungsbetrug oder Einschüchterungen angesammelt. Die zunehmenden Klagen sind auch ein Ergebnis des kontinuierlichen Einsatzes des Netzwerks gegen Arbeitsausbeutung in der Landwirtschaft und die wachsende Bekanntheit der Beschwerdestellen.

Die angespannte Situation in diesem Marktsegment für die Beschäftigten ist ein bundesweites Problem wie aus dem Jahresbericht 2022 „Faire Landarbeit“ (https://igbau.de/Initiative-Faire-Landarbeit.html) hervorgeht. Aber auch die Herkunftsländer sehen die aktuelle Lage sehr kritisch. Die rumänische Sozialattachée Gabriela Gâgiu lobt daher ausdrücklich die Arbeit des Netzwerks:

„Der Zugang der Saisonarbeiter zu Informationen über ihre Arbeitsrechte ist von wesentlicher Bedeutung, um Verstöße gegen Arbeitnehmerrechte zu verhindern und die Arbeitsmobilität in der EU gerechter zu gestalten!”

Aber diese aufsuchende Arbeit scheint erste Früchte zu tragen. Ein  Erdbeerhof im Jülicher Raum musste nun seinen Betrieb einstellen, da keine Saisonkräfte mehr dort arbeiten wollten. Die auch vom WDR offengelegten Misstände sowie die kritische Haltung von mutigen Beschäftigten zeigen offenbar Wirkung. Auch die Betriebe, die faire Arbeitsbedingungen anbieten, profitieren davon, wenn die Billigkonkurrenz und Lohndumper vom Markt verschwinden.

Für die Institutionen und Verbände im Netzwerk ist eines völlig klar, unterstreicht Ann-Katrin Steibert als zuständiger DGB-Sekretär:

„Wir bleiben dran und planen schon für die nächste Saison unsere `spontanen Feldbesuche´. Damit beim Genuss von Spargel, Erdbeer und Co. uns der bittere Beigeschmack von Arbeitsausbeutung nicht die Freude an den leckeren Feldfrüchten unserer Heimat verdirbt!”